Trainingssaison 1927 bis Winter 1928
Auszüge aus den rudersportlichen Memoiren von Leberecht Opitz
... Zum 1. November 1927 begann das Wintersemester 1927/28 in Berlin, zu dem ich mich einzuschreiben hatte, a b e r auch das schliesslich lange erwartete Training im Ruderklub am Wannsee. Dort war nicht vieles geboten. Von meinen alten Bootskameraden wer lediglich noch Kempf (Schwenker zur Hand, der 1926 und 1927 auch nicht gerudert hatte. Dazu kam Kiesewetter, ein alter Bekannter, ein sehr leichter Mann, Bankkaufmann seines Zeichens, der früher aber auch schon als Jungmann gerudert hatte. Als Ergänzung für einen recht leichten Juniorvierer - Junioren waren wir ja 1925 geworden - fand sich noch ein verbliebener Mann aus dem Reichsvierer 1927, den der Klubvorsitzende Seidenschnur (Semm genannt) dank seiner Beziehungen innerhalb des Reichswehrministeriums und von dort zum IR 9 in Potsdam mit den passioniertesten und vor allem kräftigsten Männern zusammengestellt hatte, der von vielen als "Professioneller - Rudererachter" bezeichnet worden ist, mit Namen Grambow. Wir alle als zähe Ruderer, nur ich dabei mit damals 82-83 kg Körpergewicht, nun im Juniorvierer und auch Juniorachter ...
... In jeder Woche des Winters 1927/28 an zwei Abenden Wintertraining im Ruderkasten im RaW, an den Sonntagen draussen, so lange offenes Wasser gegeben war, so verlief der Winter zu 1928. Damals hatte ich auch Freund Baumann, den einstigen Schülerruderer, zum Training im RaW angeregt. Er ruderte im damaligen Jungmannachter auf Nr. 1 (das als kleinster Mann!) Er hatte aber mit seiner Mannschaft nicht allzu grosse Erfolge gehabt, während wir, vornehmlich im Vierer m. Stm. mehrere Siege zu verzeichnen hatten, u.a. auch den endgültigen Gewinn des goldenen Ostseepokales, einer Stiftung des einstigen Kaisers, der nach dreimaligem Siege dem betreffenden siegenden Klub zufallen solle. Wir haben dieses Rennen in Swinemünde nun endgültig gewonnen und damit den Besitz an dieser kostbaren Trophäe, die, soweit ich erfuhr, auch von den amerikanischen Streitkräften nach dem Kriege 1945 beschlagnahmt oder entwendet worden sein soll. Mein Uhranhänger weist für dieses Jahr 1928 insgesamt neun Siege aus, hierbei u.a. den Sieg im Vierer und Achter für Junioren auf der weltbekannten einstigen Olympiastrecke in Berlin-Grünau, den Sieg im Vierer und auch Achter wieder einmal in Königsberg/Ostpr., wohin der RaW nun zum zweiten Male seine "Mannen" schickte. Ein letztlich doch erfolgreiches Trainingsjahr.
Den Heutigen muss gesagt sein, dass ein Rennrudertraining eine nicht ganz leichte Sache war und noch ist. Laufendes Training im Winter, Dauerläufe, Verpflichtung zum täglichen Training dann ab Frühjahr eines jeden Jahres ständiges Wohnen im Klubhaus - was wir übrigens recht gern getan haben. Man zog also vom Elternhaus aus mit Sack und Pack, Betten, Wäsche usw. in ein Trainingszimmer des Bootshauses in dessen Obergeschoss. Des Abends gab es fast kostenfreies Trainingsessen (Beitrag RM 0,50 je Tag!), dazu durfte (!!) man allenfalls ein kleines Glas Bier trinken, was wir aus Sparsamkeit eigentlich nur recht selten getan haben, man ruderte auch an den Sonntagen, meist morgens recht früh wegen des starken Verkehrs auf dem Wasser und so ging es den ganzen Sommer hindurch bis August bzw. sogar September jeden Jahrgangs, wo dann die Meisterschaftsrennen durchgeführt wurden. Als ich dann in der ersten Klasse, also in unbeschränkten Senioren-Rennen, zu rudern hatte, dies ab 1929, wobei wir alljährlich die deutsche Meisterschaftsregatta mitgemacht haben, verlief das Training dann bis Ende September, also rd. 8 Monate, "keene Weiber, nischt zu roochen!!", so formulierte einst unser späterer Freund v.Braunschweig ...
... Zwischenzeitlich bin ich an einem Wochenende im September in Berlin gewesen, um dort im RaW an der Internen Regatta teilzunehmen. Wir waren ja durch die tägliche körperliche Arbeit "gut im Training" und so blieb der Erfolg in dieser "Internen" auch nicht aus. Dies nebenher! Im dann folgenden Wintersemester 1928/29 habe ich trotz meines Fehlens bis Anfang Dezember in den Kollegs und Übungen doch leicht und gut, natürlich nach emsiger Arbeit daheim, die Diplom-Vorprüfung hinter mich gebracht. Der Ruderei halber hin ich niemals aus Berlin, zum Studium an anderen Hochschulen, heraus gegangen, ich wollte weiter rudern und mein als Junge schon gesetztes Ziel war: Einstmals den Kaiserpreis in Grünau zu erringen! ...
