China in acht Tagen
Delegationsreise der Deutschen Sportjugend (dsj)
vom 24. März bis 1. April nach Shanghai, Peking und Tianjin
Mitte Januar las ich auf der Homepage des Deutschen Ruderverbandes (www.rudern.de) zufällig von einer Ausschreibung der Deutschen Sportjugend (dsj) für eine Delegationsreise nach China vom 24. März bis 1. April.
Anlass für diese Reise war der Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao im Herbst 2006 bei der Bundesregierung in Berlin, bei dem Wen eine Einladung an 400 deutsche Jugendliche ausgesprochen hatte, sein Land zu besuchen. Es sollten vier Gruppen mit jeweils 100 Personen zu verschiedenen Themenfeldern (Politik, Erziehung, Wissenschaft und Sport) gebildet werden. Bereits im vergangenen Jahr fuhren die ersten drei Delegationen nach China.
Nun sollten für die letzte der vier Delegationen, 100 deutsche Jugendliche zum Thema „Jugend und Sport“, gefunden werden. Junge Menschen im Alter zwischen 18 und 27 Jahren, die sich ehrenamtlich in einem deutschen Sportverein oder -verband für die Jugendarbeit engagieren, konnten sich für die Teilnahme bewerben. So versuchte auch ich mein Glück und schickte eine Bewerbung an die dsj, die die Auswahl der Teilnehmer übernahm. Anfang Februar bekam ich dann die Nachricht, dass ich eine der Auserwählten sei, die mit zu den 100 Jugendlichen gehören sollte. Mit viel Vorfreude über diese besondere Gelegenheit, in das Land zu reisen, dass dieses Jahr die Olympischen Spiele ausrichten wird, versuchte ich mich in der verblei–benden Zeit noch intensiver mit China, seiner Kultur sowie Politik auseinanderzusetzen.
Kurz vor unserer Abreise überschatteten jedoch die Proteste gegen die chinesischen Repressionspolitik in Tibet unsere Reise, und so diskutierten wir auch auf dem Vorbereitungstreffen der Delegation in Frankfurt, einen Tag vor unserem Abflug, über die uns bevorstehende Situation. Am Ostermontag begaben sich schließlich dennoch die aus allen Sportbereichen kommenden Jugendlichen, der Staatssekretär der Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Gerd Hoofe, sowie die Offiziellen der dsj, des Deutsch-Französischen-Jugendwerkes und der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland auf den 11-stündigen Flug gen Fernost.
In China bekamen wir allerdings nichts von den Protesten mit, da das Thema Tibet für die Menschen dort keine große Rolle spielte. Auch die Medien zeigten ein ganz anderes Bild, als jenes, welches wir in den westlichen Medien zu sehen bekamen. Die „Dalai-Lama-Clique“ wurde in den chinesischen Nachrichten als gewaltbereite Separatistengruppe dargestellt, zudem waren westliche Internetseiten wie cnn.com nicht zugänglich. Die Reise sollte insgesamt zu einem Erlebnis werden, das hauptsächlich die schönen Seiten Chinas präsentierte. Der Allchinesische Jugendverband hatte ein straffes Programm für uns organisiert. Die Delegation wurde in vier Gruppen eingeteilt und von jeweils zwei Übersetzern begleitet, die fast alle in Deutschland studiert hatten und daher sehr gut Deutsch oder zumindest Englisch sprachen. Wir besuchten eine riesige Sportstätte mit einer eigenen Regattabahn und unzähligen Sporthallen in der Nähe von Shanghai, fuhren 430 km/h mit dem Transrapid, besichtigten die Chinesische Mauer, den Himmelstempel, die Verbotene Stadt sowie das Olympiastadion („Vogelnest“) in Peking, hatten festliche Bankette mit Vorsitzenden von verschiedenen Jugendverbänden und besuchten zwei Schulen. Zudem bekamen wir auch die Möglichkeit, in den Volkskongress des Volksrepublik zu gehen, wo wir einen Fototermin mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ständigen Ausschusses hatten.
Abends waren wir immer in kleinen Gruppen unterwegs und schauten uns auf eigene Faust Shanghai, Peking und Tianjin an. Taxifahren wurde dabei immer zu einem besonderen Erlebnis, da die Taxifahrer trotz des bevorstehenden größten Sportereignisses der Welt kein Wort Englisch sprachen. Mit Händen und Füßen kamen wir dennoch jedes Mal wieder im Hotel an. Auf diese abenteuerliche Weise erfuhren wir aber auch die andere, nicht immer perfekte Seite der chinesischen Großstädte. So konnten alle Teilnehmer unvergessliche Eindrücke nach acht Tagen wieder mit nach Deutschland nehmen.
Leider kam der Austausch mit gleichaltrigen Chinesen während unseres Aufenthalts etwas zu kurz. Zwar hatten wir in einer der zwei Schulen die Gelegenheit, mit jungen Chinesen zu sprechen, da sie auch Englisch konnten, aber der angestrebte „interkulturelle Austausch“ hielt sich in Grenzen.
Mit unseren Übersetzern und gleichzeitigen Gruppenleitern konnten wir aber ungeahnt offen und freundschaftlich reden, so dass wir dennoch viel mitbekamen und uns ein ganz eigenes Urteil über China und seine Menschen bilden konnten.
Nicola Petri
