Vor dem Rennen
Oxford 2007/08
Nach fast drei Jahren Chirurgie in Potsdam, gepaart mit unzähligen Nachtschichten und Einsätzen im Rettungswagen und natürlich immer wiederkehrenden Einsätzen bei diversen Regatten unterschiedlichen Niveaus auf dieser Welt, entschloss ich mich im Sommer 2007, noch einmal auf die Bremse zu treten und der beruflichen Karriere ein wissenschaftlicheres Ansehen zu verleihen, indem ich mich für einen Master an der University of Oxford, vergleichbar mit einer Doktorarbeit in Deutschland, bewarb.
Wie es immer so ist, ging alles dann ziemlich schnell, Zusage Anfang August, schnell die Wohnung aufgelöst und meinen ganzen Krempel im Elternhaus verstaut, Formalien ohne Ende und zu guter Letzt noch schnell den Berlin-Marathon mit Vladimir Vukelic abgerissen.
Der ganz normale Wahnsinn, und wie immer keine Zeit, richtig Auf Wiedersehen zu sagen oder über alles im Klub zu plaudern. Ist ja nur für ein Jahr – die üblichen Gedanken.
In Oxford wird es ruhiger und ich habe genug Zeit, alles nachzuarbeiten. Auch das war ein Irrtum.
Die Universität wollte von Anfang an an meinem Leben partizipieren und nahm, soviel sie kriegen konnte, bzw. ich geben wollte.
Und dann war da ja auch noch dieser Hintergedanke in meinem Kopf: das boat race Oxford gegen Cambridge. Unsicher, ob ich mich wirklich noch einmal durch die Tretmühle des Rudertrainings kämpfen sollte und doch fasziniert von der Möglichkeit, an diesem für jeden Ruderer doch einzigartigen Erlebnis teilzuhaben, setzte ich mich am Tag meiner Ankunft ganz unverbindlich mit dem headcoach des Oxford University Boat Club in Verbindung.
Man wusste über mein Eintreffen Bescheid, ein kleines Gespräch über Gott und die Welt so gegen 11 Uhr und dann wurde ich um 14 Uhr bereits zum Training erwartet. Die Jungs fackeln nicht lange, das war dann gleich klar. Und auch über die Ernsthaftigkeit des Ganzen sollten in den folgenden Wochen keine Zweifel aufkommen.
Das Studium ist wichtig in Oxford, das boat race ist lebenswichtig!
Neben meinen Vorlesungen und zu erstellenden Essays über diagnostic imaging (angewandte Radiologie und deren physikalische Grundlagen) wurde also wieder zweimal täglich trainiert. Morgens Ergo, Nachmittags Rudern. Meistens im 4+, in wechselnden Kombinationen und mit jeder Menge Belastungen, seat races und weiteren Tests.
Die Trainingsgruppe bestand aus ca. 40 Sportlern, die bis Anfang Dezember zu einer 20 Mann starken Gruppe (plus 4 Steuerleuten) dezimiert wurde. Eine bunte Mischung aus Amerikanern, zahlenmäßig überlegen, Briten, Australiern, Canadiern, Polen, Neuseeländern und mir als einzigem Deutschen, welche sich, wie sich über die letzten Monate des Trainings herausstellte, als sehr liebenswert und gut in jeder Hinsicht erwies.
Nach Trainingslagern in Davos zum Skilanglaufen und 10 Tagen Rudern in Spanien, abschließenden seat races auf diversen britischen 2000-m-Strecken und mehreren Ergometertests (2 km und 5 km), wurde Anfang Februar dann das Training im Achter aufgenommen und das blue boat (der erste Achter) und die isis crew (zweiter Achter) nominiert.
Glücklicherweise konnte ich meine üblichen Defizite auf dem Ergo gut ausgleichen, indem ich alle meine Rennen gewinnen und mich somit für den ersten Achter qualifizieren konnte. Nicht ganz so einfach, wie ich zu Anfang gehofft hatte, immerhin haben es alle drei Blues-Ruderer auf Steuerbord vom 2007-Achter dieses Jahr nicht in die erste Mannschaft geschafft!
Nun sind es also noch ca. 6 Wochen zum boat race (29.3.08 live auf Eurosport), und das Training wird immer intensiver, der Medienrummel steigt und diverse Testrennen stehen an, unter anderem gegen einen amerikanischen Auswahl-Achter Anfang März.
Ich hatte in den letzten 5 Monaten hier soviel Spaß am Rudern wie lange nicht mehr, und das Niveau ist unglaublich hoch, besser, als ich es je gedacht hätte.
Ich hoffe, als vermutlich erster RaWer in der Geschichte des boat race, am 29.3.08 das Prestigeduell mit Cambridge gewinnen zu können und so die Truppe vom Wannsee wieder etwas mehr mit der Ruderhistorie verbinden zu können.
Es war und ist eine tolle Erfahrung hier in Oxford, die Stadt ist voll von Historie und der Glanz der alten englischen Universitäten, wenn auch inzwischen mit modernem Anstrich und auf aktuellstem Stand, ist in keiner Weise verblasst.
Ich genieße das Studentenleben mit dem Bewusstsein, das Arbeitsleben für ein Jahr verlassen zu haben, und so sehr ich das Arbeiten als Mediziner vermisse, ist es doch eine sehr willkommene Abwechslung.
Ich hoffe einige Klubkameraden mit diesem Artikel ermutigt zu haben, Ende März den Fernseher einzuschalten und wenigstens ein bißchen das zu geniessen, wofür hier über 7 Monate akribisch und sehr professionell gearbeitet wird.
Einer der ältesten Sportwettkämpfe unseres Sports, ausgetragen von Studenten, die reine Amateure sind, als Botschafter ihrer Universitäten.
Liebe Grüsse an alle Klubkameradinnen und Klubkameraden.
Jan Herzog
